Landler
Die Tiroler Volkstänze sind von einem großen Formenreichtum, was ihre Choreographie anbelangt. Vom musikalischen Standpunkt lassen sich diese Tänze in sechs Gruppen zusammenfassen:
Ländler, Walzer, Mazurka, Bayrisch Polka (Rheinländer), Polka und Marsch.
Die Großformen, deren Figuren oft sicher weit in die Vergangenheit zurückreichen, haben meistens Melodien, die der allgemeinen Tanzmusik, vor allem des 19.Jahrhunderts, entsprechen. Der Bandltanz hat eine Walzermelodie, der Agattanz eine Ländlermelodie, Wenner Achter, Reiftanz und Fackeltanz haben Marschmelodien. Obengenannte Tanzformen sind im ganzen Alpenraum in etwas unterschiedlicher Art verbreitet. Hier soll auf die Tiroler Eigenheiten dieser Tänze eingegangen werden.
Wie im gesamten Alpenraum ist auch in Tirol der Landler einer der wichtigsten und charakte-ristischsten Tänze, daher soll ihm hier auch der breiteste Raum gewidmet sein. Neben Landler kommen auch noch die Namen Deutscher oder einfach Tanzl vor. Im Wesentlichen können hier zwei Grundtypen unterschieden werden: die ältere achttakige und die jüngere sechzehntaktige Form.

Beide haben gemeinsam, sicher besonders typisch, daß hier im Dreivierteltakt alle Taktschläge nahezu gleich betont werden. Dies zeigt sich auch in der Tanzausführung, wobei sowohl im langsamen, als auch im schnellen Tempo auf jede Viertelnote alle Schritte mit gleichem Gewicht gesetzt werde. Man sagt im Volksmund durchtrettln.
Die Melodie entsteht meist durch Dreiklangszerlegungenoft auch durch nachschlagendeTerzen oder Sexten, oder als Seitenbewegung mit einem nachschlagenden Ton.
Die achttaktige Form:
Sie kann mit dem verglichen werden, was in anderen Gegenden als Steirer bezeichnet wird und ist im Spielgut der meisten Volksmusikanten kaum mehr vorhanden. Diese Art der eher langsam gespielten achttaktigen Melodien ist nur mehr in wenigen altertümlichen Landlerformen überliefert. Als einigermaßen vollständige Formen mit einigen Figuren können der Zillertaler Landler, der Ahrntaler Landler oder der Deutsche aus Lüsen angesehen werden. Ansonsten gibt es eine Reihe von Kurzformen, bei denen die gleiche Figur ständig wiederholt wird. Sie werden im Volksmund auch Dreher oder Masolka genannt. Hier liegt sicher eine Beeinflußung durch die Mazurka vor, die den gleichen Takt hat und eher langsames Tempo aufweist. Da die Musikanten unter Landler heute einen schnellen Tanz mit sechzehntaktigen Perioden verstehen, ist es zu der verballhornten Form des Wortes Mazurka gekommen.

Tänze, wie die Kalser Masolka, der Einfacher Dreher, der Doppelte Dreher, die Wattentaler Masolka

und die Masolka zu dritt gehören zu diesem Typus.
Sechzehntaktige Landler
Wirklich lebendig sind in Tirol die sechzehntaktigen Landler. Die musikalische Form dieser Landler entspricht der Form der meisten heutigen Volksmusikstücke. Meistens sind drei Teile vorhanden, wobei der 1.Teil in der Tonart der Tonika, der zweite auf der Dominante und der dritte Teil auf der Subdominante gespielt wird. Oft steht am Anfang ein Eingang, selten (meist nur mehr bei Zillertaler Stücken) am Ende ein Ausgang.
Das Tempo ist sehr rasch. Meist wird darauf Walzer getanzt. Ein Walzer, bei dem, wie oben erwähnt

alle Schritte gleich betont und kurz gesetzt werden. Die Melodien mancher Figuren-tänze sind auch derartige Landler. Z.B.: Dreiertanz oder Tiroler Figurentanz.
Formaler Verlauf eines Landlers.
Eingang (4 Takte) 1.Teil+WH (16+ 16 Takte) 2.Teil+WH (16+16 Takte) 1.Teil (16. Tak-te) 3.Teil+WH(16+16 Takte) evtl. 1.Teil und 3.Teil Ausgang (4, 6 oder 8 Takte).
Walzer
Die Grenze zwischen Walzer und Landler ist in Tirol fließend. Oft wechselt innerhalb eines Stücks der Charakter, so daß auf einen eher walzerartigen Teil ein landlerischer folgt. So ist es auch z.B. beim Neubayrischen. (1.Teil: Walzer, 2.und 3.Teil: Landler)
Generell hat der Walzer gegenüber dem Landler eine eher ruhige Melodie, die mehr aus Hal-ben- und Viertelnoten besteht.

Manchmal kommt es auch zur Hemiolenbildung. Damit ist eine Überlagerung von Dreiviertel- und Dreihalbetakt Während die Melodie im Dreihalbetakt fortschreitet, hat die Begleitung Dreivierteltakt. Das führt dazu, daß im jeweils zweiten Takt auf Eins in der Melodie eine übergebundene Note oder eine Pause steht. Die Eins wird nur vom Baß ausgeführt.
Neben dem Walzer-Rundtanz haben eine Reihe von Tänzen Walzermelodien: Offener Walzer, Neubayrischer, Studentenpolka (1.Teil), Bandltanz, etc..
Mazurka
Am Beginn des 19.Jahrhunderts wurde der polnische Volkstanz Mazurka in vereinfachter Form als Polka-Mazurka oder Varsovienne zum Modetanz und hat als solcher weite Verbrei-tung auch in Tirol erfahren. Hier ist es nun zu einer gegenseitigen Beeinflussung mit dem heimischen Landler gekommen.

Der Name für die daraus hervorgegangenen Tänze ist in Tirol Masolka. Es gibt nun Melodien, die, wie oben erwähnt, wegen des langsamen Tempos als Masolka bezeichnet werden, obwohl sie eigentlich reine Ländlermelodien sind. Es gibt aber auch eine Reihe von Melodien, die noch den charakteristischen punktierten Mazurkarhythmus aufweisen. Dazu gehören die Melodien der Masolka aus dem Passeiertal, des Krauttreters,


der Iseltaler Masolka, oder des Knödeldrahners.
Bayrisch Polka (Rheinländer)
Dieser Tanz ist in Tirol als Volkstanz noch am meisten in Verwendung. Dies zeigen auch die vielfältigen Möglichkeiten in der Tanzausübung. Horak beschreibt neun verschiedene Tanzformen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Formen, die oft spontan getanzt werden.
Die musikalische Form entspricht dem Modell, wie es beim Landler beschrieben wurde. Normalerweise hat der Boarische achttaktige Perioden. Es gibt allerdings eine Reihe von meist neueren Stücken, die auch sechzehn Takte aufweisen.
Das rhythmische Grundmuster ist folgendes:


Dieses rhythmische Modell findet sich auch in zahlreichen Tänzen. Z.B. Rheinländer, Siebenschritt oder Bauernmadl.
Polka
Dieser Tanz kommt in verschieden Formen vor. Als Rundtanz wird die Polka meist sehr rasch gespielt. Der Unterschied zum Marsch ist vom Rhythmus her kaum erkennbar, eher vom formalen Ablauf. Volkstänze im Polkarhythmus sind. Hiatamadl, Neukatholisch und Kreuzpolka.
Die Form entspricht dem unter dem Kapitel Landler beschriebenen Modell der meisten heutigen Volksmusikstücke. Das rhythmische Muster ist wie folgt:

Marsch
Wie schon erwähnt, sind in der Tiroler Tanzmusik die Märsche manchmal nicht leicht von den Polkas zu unterscheiden, zumal auf beide Polka getanzt wird. Die Melodien der Polkas sind meist lebhafter. Ältere Märsche, z.B. für Schwegelpfeifen, sind oft im Sechsachteltakt. In älteren Handschriften finden sich manchmal feierliche Aufzüge. Die heute üblichen Märsche stehen ganz in der Tradition der österreichischen Militärmärsche. Komponisten wie Gottlieb Weißbacher haben zahlreiche Stücke geschrieben, die gerne auf den Tanzböden gespielt werden. Aus Platzgründen soll auf das Thema Marsch hier nicht weiter eingegangen werden. es wäre aber eine umfangreichere Arbeit wert.
Mehrstimmigkeit
Die Tiroler Tanzweisen sind durchwegs zweistimmig mit Begleitung. Es kommt sowohl die austerzende Zweistimmigkeit (in Terzen und Sexten mit Hornquinte) als auch die Überschlagszweistimmigkeit vor, die erste Möglichkeit bei Melodien, die keine starke Bewegung haben und häufig in Sekundintervallen fortschreiten, die zweite bei der stärker bewegten alpenländischen Dreiklangsmelodik, besonders beim Landler. Besonders typisch für Tirol scheint die Hauptstimme mit begleitender Unterstimme zu sein.



Besetzungen
Wie oben erwähnt, wird die Melodie in den Tiroler Tanzweisen meist zweistimmig geführt. Dazu treten dann Begleitstimmen, die, von unten nach oben, folgende Begleitung haben.
Baß, Akkord und Rhythmus, und manchmal auch eine, den Klang ausfüllende Gegenstimme.
Instrumente wie Harfe oder Harmonika können diese Funktionen allein ausfüllen.
Heute oft anzutreffende Besetzungen:

Diese Besetzungen sind in Tirol traditionell und haben Vorbilder, denen gerne nachgeeifert wird.
Wie alte Bilder beweisen, war einstmals das diatonische Hackbrett ein wesentliches Element in der Tiroler Tanzmusik.
In den letzten Jahren erlebt das diatonische Osttiroler Hackbrett eine Renaissance, sodaß heute kaum eine Tiroler Tanzlmusig ohne Hackbrett spielt. Eine Tiroler Besonderheit ist die Volksharfe als Akkord-und Rhythmusinstrument. Mit ihren kräfti-gen, meist kurz und hart angeschlagenen Akkorden dringt sie auch bei einer größeren Bläserbesetzung durch und gibt der Musik Schwung und Klangfülle.
Die Geige, vor einigen Jahren in der Volksmusik scheinbar vom Aussterben bedroht, kommt immer mehr in Verwendung, noch mehr sind es aber die Blasinstrumente mit denen zum Tanz aufgespielt wird. In vielen Blaskapellen formieren sich Musikanten zu einer Tanzlmusig.
Die Tiroler Tanzmusik fügt sich in ihrer Erscheinungsform in den allgemeinen alpenländischen Stil ein, hat aber, was Melodiebildung, Rhythmus, Form und Instrumentarium anbelangt, durchaus eigenständige Züge.
Peter Reitmeir
Literatur:
Horak Karl, Tiroler Volkstanzbuch, Innsbruck 1974.
Horak Karl, Zillertaler Musikanten, München - Innsbruck 1988.
Horak Karl, Instrumentale Volksmusik aus Tirol (=Volksmusik in Tirol, Quellen,
Dokumente und Studien, Bd.2), Innsbruck 1985.
Tiroler Saitenmusikmappe, (=Tiroler Notenstandl, Heft 6),
Eigenverlag Tiroler Volksmusikverein, Innsbruck1998.